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Königsblüte - Knipsen oder nicht?

Königsbüte  Die erste Blüte... raus damit, oder nicht?

"Bricht man die erste Blüte aus, erhöht sich der Ertrag; es bilden sich dann mehr Seitentriebe."

"Wird die erste Blüte ausgebrochen, erhöht sich der Ertrag."

"Die Pflanzen tragen viel mehr Früchte, wenn Sie die erste Knospe, die Königsblüte, entfernen. Sofort bilden sich viele neue, die nur wenig später ausreifen."

So zu lesen auf vielen kommerziellen Paprika-Saattüten, und 'zig mal wiederholt auf diversen Web-Seiten.

Die "Königsblüte" ist jene Blüte, die in der ersten Y-Verzweigung entsteht. Das Ausbrechen dieser Blüte soll bewirken, dass die Pflanze noch weiter wächst, und es soll verhindern, dass die erste Frucht die Bildung weiterer Blüten und Früchte verzögert oder sogar hemmt.

Aber stimmt das wirklich? Wir fragten Chili-Experten und Gärtner. Und testeten selbst.

"Die Blüte auszubrechen bedeutet eine Schote weniger auf der Pflanze", sagt Dave DeWitt, Autor von "The Pepper Garden", "The Chile Pepper Encyclopedia" und rund 30 weiteren Fachbüchern zum Thema Chilis.

Dave DeWitt  Dr. Paul Bosland

Dave DeWitt, Dr. Paul Bosland

Dr. Paul Bosland ist Direktor des Chile Pepper Institute der New Mexico State University, an der er forscht, neue Chili-Sorten züchtet und als Professor unterrichtet. Er antwortete uns: "Kein Farmer entfernt die erste Blüte. Das Entfernen der ersten Blüte hat keinen oder wenig Einfluss auf die Gesamternte. Es ist einfach nur eine einzelne Frucht, sofern sie sich denn bildet!"

Thomas Gruber von der Gärtnerei Förth im Fichtelgebirge (siehe Beitrag) blickt auf viele Jahre Erfahrung im Anbau von Chili, Paprika und Co. zurück. Der Praktiker Thomas sagt: "Meiner Meinung nach muss man hier differenzieren. Bei Capsicum-Sorten mit großen (und relativ wenigen) Früchten wie Gemüsepaprika oder Round of Hungary bringt das Ausbrechen was; die Pflanzen verzweigen erst einmal, statt sofort viel Kraft in eine Frucht zu stecken. Bei scharfen Chilis mit kleinen und zahlreichen Früchten ist's in der Tat eher egal - da kommen eh viele Früchte, auf eine mehr oder weniger kommt's nicht an".

Der Chili-Test

Sowas haben wir schon vermutet, wollten es aber doch genauer wissen. Dazu haben wir in der 2005er Chili-Saison zwei Pflanzen der Sorte Hanoi Red ausgewählt, die in Wuchs, Zweigbildung und Größe nahezu identisch waren.

28.5.2005 - Beide Testexemplare zeigten ziemlich zeitgleich ihre Königsblüte Bei einer der Pflanzen haben wir sie entfernt, bei der anderen nicht.

 

3.6.2005 - Eine Woche später haben beide Pflanzen etwa gleich viel neue Blüten produziert, sind ein wenig gewachsen, unterscheiden sich aber nicht bei der Bildung von Seitentrieben.

 

3.7.2005 - Die Testkandidaten wurden in ein größeres Gefäß* umgetopft und um eine weitere identisch gewachsene Vergleichspflanze ohne entfernte Blüte ergänzt. An allen drei Exemplaren glänzen erste grüne Schoten, weitere Blüten kommen auch noch nach.

 

3.8.2005 - Bei allen drei Pflanzen werden die ersten Schoten rot; immer noch auch neue Blüten bei allen dreien. Welche aber wird das Rennen gewinnen?

 

* Der gemeinsame Topf sorgt  für identische Nährstoff- und   Wasserbedingungen

 28.9.2005 - Eine Augenweide; alle drei Pflanzen sind gut besetzt mit knallroten Chilis.

Da die Pflanzen so eng beieinander stehen, ist schwer auszumachen, welche von ihnen nun tatsächlich die meisten Schoten trägt. Doch die Stunde der Wahrheit naht...

 

22.10.2005 - Erntezeit. Die um ihre Königsblüte beraubte Pflanze und die zwei Kontrollpflanzen werden abgeerntet, die Schoten gezählt.

Das Ergebnis: Die königsblütenlose Pflanze lieferte 74 Schoten, die Kontrollpflanzen 76 bzw. 72 Schoten, im Schnitt also ebenfalls exakt 74. Beschneiden hätte den Ertrag der etwas spindeligen Pflanzen sicher noch erhöht, aber womöglich unser Testergebnis verfälscht.

Ein derart einheitliches Ergebnis hättten wir nicht erwartet, aber es bestätigt unsere Vermutung und die Aussagen der beiden US-Chili-Experten - das Ausbrechen der ersten Blüte blieb ohne Einfluss auf die Ernte. Zumindest bei den "kleinen Scharfen".

Des weiteren hatte sich das auch Wachstum der Pflanze mit der entfernten Blüte im Vergleich zur Kontrollpflanze nicht sichtbar verändert.

Größere Capsicum-Sorten, z. B. Gemüsepaprika, liefern, wie wir inzwischen festgestellt haben, bisweilen tatsächlich andere Ergebnisse, und andere Chili-Gärtner mögen durchaus zu völlig anderen Resultaten kommen. Einige halten das Ausbrechen bei Gemüsepaprika für sinnvoll, wenn die Aussaat spät erfolgt und die ersten Blüten nicht abgeworfen werden, außerdem bei solchen Chili-Neuzüchtungen von C. annuum, die früh blühen und ihre Blüten nicht abwerfen. Einigkeit herrscht zumindest, dass das Ausbrechen bei anderen Arten als C. annuum nichts bringt - besonders C. chinense produziert auch ohnehin Blüten und Früchte ohne Ende, sogar mehrere pro Knoten.

Im Zweifelsfall machen Sie‘s doch einfach wie wir: Ausprobieren!

Text und Bilder von Harald Zoschke


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Seite zuletzt geändert am: 15.08.2014, 06:12 von Harald

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