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Capsaicin: Der Stoff, der Chilis scharf machtDas hervorstechende Merkmal der Chilis ist natürlich deren Schärfe - beißt man rein, beißen sie zurück. Was aber macht viele Chili-Schoten so scharf? Und warum? Warum Chilis überhaupt scharf sind Ziel jedes Lebewesens ist die Reproduktion - alles, was dies behindern kann, versucht die Natur abzuwehren. Deshalb haben Kakteen Stacheln, Nüsse eine harte Schale. Bei Chili-Pflanzen kam Mutter Natur auf die verschärfte Idee, die für die Fortpflanzung lebenswichtigen Schoten vor Fraßfeinden zu schützen, indem sie eine Substanz vorsah, die Nager und andere Säugetiere abschrecken sollte, während sie von Vögeln ignoriert wird. Der Grund: Vögel tragen zur gewünschten Verbreitung der Samen bei, indem die Schoten gefressen werden und die Saat anderswo - gleich mit Dünger - wieder abgeladen wird. Bei Säugetieren würde das nicht klappen, da deren Verdauung - anders als bei Vögeln - mit Magensäure arbeitet, die das Erbgut in der Saat zerstört. Während Säugetiere das vermeintliche Brennen der Früchte spüren, sind Vögel dagegen völlig unempfindlich. Was die Natur nicht ahnen konnte, war die Evolution der Spezies "Chilihead", denen die Schärfe nichts ausmacht. Im Gegenteil... Neue Forschungen (veröfffentlicht 8/2008) zeigen zudem, dass das Capsaicin fungizid (pilzhemmend) wirkt und besonders in tropischen Gebieten die Saat vor Pilzen wie dem gefürchteten Fusarium schützt (siehe auch News 2008) Chemisch ist dafür eine Reihe von Verbindungen verantwortlich, die - abgeleitet vom botanischen Pepper-Oberbegriff Capsicum - als Capsaicinoide bezeichnet werden. Hauptkomponente ist das Alkaloid Capsaicin (falls es Sie interessiert: Es ist ein Vanillyl-amid der 8-Methylnon-6-ensäure mit der Formel C18H27NO3). Capsaicin selbst ist farblos und - bis eben auf die Schärfe - geschmacklos. Außerdem ist es ziemlich beständig - es wird weder durch das Erhitzen beim Kochen noch durch Einfrieren zerstört. Isoliert präsentiert es sich als weißes Pulver, das in Alkohol, nicht aber in Wasser löslich ist (darum hilft es auch wenig, nach Genuß zu scharfer Chili-Pepper-Speisen Wasser zu trinken). Für chemisch Interessierte hier die Formel für Capsaicin:
Die Pfeile deuten an, wo die Schärfe-Substanz sitzt. Sie wird in der Plazentawand sowie in den Scheidewänden produziert; daher sind vor allem die diversen Innenwände wesentlich capsaicinhaltiger (und somit erheblich schärfer) als das Fruchtfleisch selbst. Die Samenkörner enthalten weder viel Aroma noch Schärfe. Jede Chili-Frucht lässt sich daher "entschärfen", indem man vor der weiteren Verarbeitung ihr Innenleben entfernt; die Aromastoffe befinden sich ohnehin überwiegend im Fruchtfleisch.
Das "Brennen" beim Kontakt mit Capsaicin ist sozusagen eine "thermische Täuschung": Es kommt durch Einwirkung auf jene Nervenendungen zustande, die normalerweise den Wärmereiz aufnehmen. Da Capsaicin - im Gegensatz zu den scharfen Verbindungen von schwarzem Pfeffer oder Ingwer - zu einer relativ lang anhaltenden Desensibilisierung dieser Nerven (nicht der Geschmacksnerven!) führt, vertragen regelmäßige Chili-Konsumenten schärfere Speisen als gelegentliche Scharfesser oder Ungewohnte.
Soweit die bisherige Auffassung der Gelehrten. Im Frühjahr 2003 gelang es Wissenschaftlern der University of California (San Francisco), den Mechanismus der Schärfeempfindung noch weiter zu entschlüsseln. Man wollte herausfinden, warum Chili-Schärfe von verschiedenen Menschen unterschiedlich intensiv empfunden wird. Im Mund (und nicht nur dort) trifft das Capsaicin auf Rezeptoren, unter anderem den Wärme-/Schmerzezeptor TRPV1, kurz für "Transient Receptor Potential Vanilloid 1". Dieser Rezeptor spricht auf Capsaicin genau wie auf Hitze über 43°C an - diese Grenze gilt es zu überwachen, da höhere Temperaturen für unseren Körper gefährlich werden.
Im Normalzustand, so die findigen Forscher, ist TRPV1 von einem Lipid (= fettähnliches Molekül) namens PIP2 blockiert. Kommt PIP2 jedoch mit Capsaicin in Kontakt, löst sich die Bindung zu diesem Rezeptor, und dem Gehirn wird Schärfe-Schmerzempfindung gemeldet - vermeintliche starke Hitzeeinwirkung.
Weiterhin entdeckten die Kalifornier, dass die Stärke der Bindung zwischen TRPV1 und PIP2 indidivuell unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Eine Rolle spielen hier genetische Faktoren, aber auch Medikamente können die Bindung (und damit das Schärfeempfinden) beeinflussen.
Die Vermutung liegt nahe, dass die Toleranz, die man durch durch regelmäßiges Essen chilischarfer Gerichte entwickelt, ebenfalls über die Stärke der TRPV1/PIP2-Bindung "gespeichert" wird, zumindest für eine gewisse Zeit.
Capsaicin wird von Menschen übrigens selbst noch in 1 Millionstel Verdünnung ( 1 part per million) wahrgenommen.
Tipp: Unsere Top Ten zum Zähmen zu feuriger Gerichte und zum Löschen, wenn's trotzdem zu scharf war, finden Sie hier
Achtung:
Warum Chilis unterschiedlich scharf sind
Der Capsaicin-Gehalt der verschiedenen Pepper-Sorten ist sehr unterschiedlich, und damit ihre Schärfe (siehe Brenn-o-meter). Die bei uns als Rohkost und Gemüse verwendeten Paprika wurden gezielt so gezüchtet, daß sie kein Capsaicin enthalten; daher sind sie so mild (trotzdem liest man irreführenderweise immer wieder, daß Gemüse-Paprika nicht zuletzt wegen seines Capsaicin-Gehalts so gesund sei). Andere Chilis, zum Beispiel der mexikanische Habanero oder sein karibischer Verwandter Scotch Bonnet, enthalten neben ihrem sehr ausgeprägten typischen Aroma so viel Capsaicin, dass insbesondere für Untrainierte der pure "Genuß" kaum erträglich ist und es bei Hautkontakt zu Irritationen kommen kann. Alle anderen Chili-Pepper-Sorten liegen mit ihrer Schärfe irgendwo zwischen diesen Extremen.
Aber selbst einunddieselbe Chili-Sorte kann unterschiedlich scharf ausfallen, je nach Standort, Klima, Nährstoffen und Stressfaktoren. Im Falle von Stress - z. B. zu wenig oder auch zu viel Wässern - reagiert die Pflanze durch Bildung von zusätzlichem Capsaicin.
Scoville-Einheiten - Ein Maß für die Schärfe
Die diversen Chili-Sorten und die daraus hergestellten Produkte zeichnen sich durch unterschiedliche Schärfe aus - je nach Capsaicin-Gehalt, gemessen in Scoville-Einheiten (Scoville Heat Units, kurz SHU). Welche Chilis (und daraus hergestellte Produkte) wieviel Scoville-Einheiten haben, zeigt unser Brenn-o-meter, eine Scoville-Skala mit Schärfestufen von 1 bis 10. Wie aber ermitteln Wissenschaftler den Capsaicin-Gehalt und damit Schärfe-Grad der diversen Chilis? Mehr dazu unter Scoville-Einheiten.
Wer zuviel Chilischärfe erwischt hat, findet hier Tipps zum Löschen Und generell die Frage: Kann man Capsaicin überdosieren?
Das Einsatzgebiet für die Chili-Schärfesubstanz ist vielfältig. Unter anderem: Verwendung in der Medizin
Verwendung als Abwehrmittel
Sonstige Verwendung
Seitenanfang Seite zuletzt geändert am: 03.05.2010, 13:55 von Admin |
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